die art und weise, wie sich The Bear Quartet in der späten phase ihrer karriere mit jedem werk neu erfinden, lässt sich eigentlich nur mit ihren (leider verblichenen) landsmännern von fireside vergleichen. war das letztjährige album "89" noch ein pures verweigerungsalbum, bringen die fünf (sic!) auf "Monty Python" (adrian recordings/alive) nun quasi neue und alte stilistische ausrichtung zusammen - und schaffen so doch etwas neues. das bear quartet gehört zu dem überraschend kleinen teil der schwedischen independent-szene, der es zwar in der heimat zu größeren erfolgen brachte, außerhalb skandinavischer gefilde aber noch nicht wirklich in erscheinung treten konnte. und das trotz einer bald 20-jährigen geschichte, in welcher man es zu einem sack voller eps und alben sowie vorbildcharakter für einige kommerziell deutlich erfolgreichere formationen schaffte. auch diesmal offenbart sich wieder eine tolle chance, indie- und krautrock auf unkonventionelle weise zu neu erfahren. fazit: nutzen! während Last Days Of April in ihrem heimatland schweden seit jahren zu den topsellern im indiesektor gehören und stück für stück auch die usa erobern (man beachte die gäste diesmal: evan dando und tegan quin), fristet man hierzulande noch weitestgehend undergroundstatus. und ob sich dies mit dem neuen longplayer in zeiten magerer plattenverkaufszeiten ändert, darf trotz des verstärkten engagement ihres langjährigen labels bad taste records jedoch bezweifelt werden. das potential dazu jedenfalls ist auf dem siebten (!) album "Gooey" (bad taste records/soulfood) mehr denn je vorhanden. schon der wunderbare opener beispielsweise transportiert die mittlerweile sehr eigenständige, melancholische handschrift des trios; welches auch mit dem rest des albums beinahe ausschließlich ruhigere töne anschlägt. die gar nicht mehr so neue prämisse "quiet is the new loud" tut dem material wahrlich gut. so gehen die tracks noch etwas tiefer, als man es von den schweden gewohnt war. insgesamt gelingt es bandgründer karl larsson mehr denn je, sein songwriting-potential voll auszuschöpfen. dass die elf stücke - nicht zuletzt aufgrund larssons stimme - desöfteren in weinerliche gefilde abdriften, stört dabei überhaupt nicht: irgendwie wirken last days of april einfach authentischer als viele ihrer kollegen. dazu kommt, dass sie mit dem alter auch an kompositorischer substanz zuzulegen scheinen.
so eine elfenhafte erscheinung, so zierliche arrangements... waren es in der vergangenheit. so eine eigenwillige stimme... ist geblieben. Brisa Roché veröffentlichte ihr erstlingswerk bzw. die vorgänger zum hochgelobten "takes" via dem legendären blue note label. dabei hat das material mit jazz auch im weiteren sinne kaum etwas zu tun. doch die kalifornische singer-songwriterin mit wahlheimat paris hat einen ziemlich eigenen kopf; welcher immer wieder während ihrer neuerdings gar nicht mehr so lieblichen kompositionen durchdringt. ein hauch von anna ternheim weht über den stücken, welche auf "All Right Now" (discograph/alive) nicht nur in punkto artwork die dunkle seite roché's offenbaren. so finden sich unter den 14 tracks psycho-theatralik, kleine zynische abrechnungen, schräge folk-eskapaden… wobei so letzten endes das bild einer ziemlich extrovertierten jungen dame entsteht. welche am ende des tages jedoch die essentiellen harmonien aus ihren songbauten herausfiltert. und so vielleicht die logische konsequenz aus dem romantisch-verwegenen flair der französischen hauptstadt mit kalifornisch-unbeschwertem hippie-schönklang bildet, bevor man gemeinsam in eine finstere seitenstraße biegt... Hjaltalin bestehen aus sieben köpfen (neben den üblichen instrumenten findet man so zum beispiel fagott und violine), stammen aus dem isländischen reykjaviks und mauserten sich bereits mit ihrem debüt zu kritikerlieblingen internationaler, ausgewählter indie-kennerkreise. wieder mit einiger verspätung erscheint nun der nachfolger "Terminal" (kimi records/indigo); welcher unter anderem mit hilfe eines kleinen orchesters sowie eines chores eingespielt wurde. die band klingt dabei zu gleichen teilen avantgardistisch, wie man sich in großen popharmonien wiederfindet. eine eindrucksvolle kammermusikvariation, die sich durchaus in ähnlichen sphären wie die obligatorischen referenzen findet: björk, múm oder - kontinentwechsel - arcade fire. und dass man momentan auf den großen bühnen noch zu den ganz kleinen nummer zählt, könnte sich in bälde ändern.
mit dem vor zwei jahren erschienenen und gemeinsam mit alison krauss aufgenommenen "raising sand" untermauerte Robert Plant ausdrücklich noch einmal seine relevanz - auch zu einem so späten zeitpunkt in seiner karriere. mit "Band Of Joy" (universal) dürfte sich dieser eindruck bei allen anhängern bestätigen. und noch mehr. denn mit dem dutzend songs schürft die ehemalige led zeppelin legende tief in der amerikanischen musikhistorie. und kollaboriert dafür mit urgesteinen wie buddy miller und patty griffin; dank welchen er sowohl traditionals wie auch eigenkompositionen eine dunkle, versponnene seite abringt. country, folk und blues zelebriert der 62-jährige dabei so voller inbrunst, wie er es in jungen jahren für den rock tat. als anspieltipp und einen der größten augenblicke des albums kristallisiert sich das finale, von einem psychedelischen bassmonster transportierte "even this shall pass away" heraus. die vertonung des eineinhalb jahrhunderte alten gedichtes allein rechtfertigt plants musikalische karriere im jahr 2010. doch auch der überwiegende teil der anderen aufnahmen darf als essentiell bezeichnet werden. der folgende abschnitt ist nicht nur ein hinweis, sondern ein auftrag: der lord of stonerrock - scott Wino weinrich - bringt, nachdem er durch tragische umstände dazu gezwungen wurde auf einer konzertreise seine songs alleine an der akustikgitarre vorzutragen, nun ein album in dieser machart heraus. und "Adrift" (exile on mainstream/alive) wurde ein echtes sammlerstück. nicht nur, weil die ersten 1000 exemplare in einer hölzernen zigarrenbox mit branddruck erscheinen. sondern auch, weil sich in der darbietungsweise der dutzend tracks noch deutlicher herauskristallisiert, dass wino - was spätestens seit hidden hand ohnehin als fakt gelten musste - als songwriter weit mehr zu bieten hat als wabernde zeitlupen-genrekost. dafür präsentieren sich seine musik einfach zu vielschichtig und beweglich; was sich auf "adrift" unter anderem in einem motörhead-cover sowie einer ursprünglich shrinebuilder zugedachten komposition zeigt. auf album nummer zwei markieren Hellsingland Underground ihr territorium einmal mehr im amerikanischen westen denn in ihrer skandinavischen heimat. die allman brothers, lynyrd skynyrd oder natürlich der boss höchstselbst liefern die klaren vorlagen zu "Madness & Grace" (killed by records/rough trade). welches dementsprechend vor allen dingen im autoradio (stichwort: middle of the road...) sinn macht. sowie - zwangsläufig - auf bühne, wo man hierzulande im promo-windschatten von jack daniel's aktiv war. ihr seht: das ganze bleibt absolut stimmig. leider jedoch nur, wenn man ohne den anspruch auskommt, originelle musik hören zu wollen. handwerklich schließlich machen die sechs nordmänner jedoch alles richtig, inklusive teils dreistimmiger vocals. insofern bleibt es einstellungssache, ob man die platte samt allen ihren aha-erlebnissen nicht doch einfach genießen will...
schier unendlich schien die wartezeit, bis aus dem hause elliott neues songmaterial zu erwarten war. nach ihrer auflösung 2003 findet in diesem sommer nämlich zumindest sänger chris higdon ein neues betätigungsfeld: mit ex-mouthpiece gitarrist matt wieder, mit zwei weiteren musikern. beziehungsweise: mit der gemeinsamen neuen formation Frontier(s). "There Will Be No Miracles Here" (arctic rodeo recordings/alive) verleugnet die eigene herkunft higdons' zwar keineswegs, klingt aber doch wesentlich knackiger und direkter als die letzten outputs der kleinen postrock-legende. Frontier(s) präsentieren sich auf der einen seite rockiger, nehmen mich auf der anderen seite aber auch mit elegischen und dennoch poppigen passagen gefangen. dabei haben es der frontmann und seine konsorten nie nötig, mit durchschaubaren songstrukturen zu langweilen. und so benötigt auch das neue material ein wenig zeit, um sich in seiner ganzen größe zu erschließen. dabei werden hier keine extreme mehr geschaffen; auch der esprit lässt durchblitzen, dass seit "false cathedrals" ein paar jahre ins land gezogen sind. dennoch: das könnte eine rückkehr im stile von walter schreifels bzw. dessen zwischenstation rival schools werden. anders, gemäßigter... und auf sehr sympathische weise erwachsener. abgesehen davon: tolles artwork, auch.
Ari Hest und seinen erfolg als reines internetphänomen abzutun, wäre vermessen. zwar wurzeln die songs seines zweitwerkes "Twelve Mondays" (arctic rodeo recordings/alive) auf einer von ihm gestarteten kampagne aus dem jahr 2008. doch was als etappenwerk wochenweise zu über 50 songs führte, wird nun mit dem albumgedanken im hinterkopf zu ende gedacht. denn musikalisch gehört diese platte mit der überarbeiteten essenz jener summe zu den stilsicheren besonderheiten der letzten wochen: auf basis der eher groben skizzen von vor zwei jahren entstanden nun in sich geschlossene, atmosphärisch dichte songjuwelen. welche sich in 37 minuten zu einem großen ganzen zusammenfügen. bemerkenswert bleibt zudem das selbstbewusstsein des schönlings, einen majorvertrag auszuschlagen und sich über eigenregie und indielabels eine besondere kreative existenz aufzubauen. was im spätestens mit dem aktuellen output gelungen sein dürfte. beinahe zehn jahre hat das mittlerweile wohl endgültig vergriffene, famose debüt von Boxharp mittlerweile auf dem buckel... da erscheint - zumindest für meine wenigkeit ziemlich unerwartet - plötzlich der nachfolger auf dem australischen hidden shoal label. trotz oder wegen der endlos langen verschnaufpause: "The Green" (hidden shoal/import) lullt mich einmal mehr auf einzigartige weise ein. der charakteristische, ambient-trippige alternativecountry verbindet songwriterische tradition mit einem modernen, elektronischen zugang. und bleibt auf diese weise irgendwie zeitlos. was sich nicht nur in der distanz niederschlägt, in welcher das projekt veröffentlicht. das duo scott solter (als produzent u.a. für die mountain goats, okkervil river und superchunk aktiv gewesen) sowie wendy allen (u.a. auch the court and spark) schöpft zudem aus einem guten dutzend befreundeter gastmusiker und bringt überarbeitete versionen von traditionals zu tage. am ende steht - wieder - ein reichlich einzigartiges, leider physisch nur über dem importweg zu beziehendes gesamtkunstwerk. Tobacco geht hingegen den weg, welchen derzeit ein guter teil des anticon-kreativstabes zu wählen scheint: war der vorgänger dieses alleingangs noch im rap verwurzelt, bekennt sich "Manic Meat" (anticon/indigo) eindeutig zu - wenngleich unkonvetionellen - independentsounds. und dies gewiss nicht nur aufgrund zweier gastauftritte von ikone beck. dessen beiträge auch wesentlich konkreter auszumachen sind, als die vocals von mister tobacco himself. selbige verschwinden nämlich hinter einem berg von effekten. der frontmann von black moth super rainbow präsentiert sich auf den 16 songskizzen in gerade einmal 42 minuten zumeist psychedelisch, immer wieder noisig und lässt dabei doch genügend raum für ein paar poppige hooks. insofern halten sich die unterschiede zu seiner band in grenzen, was zeitgleich zu einer der griffigsten veröffentlichungen auf anticon records führt. das sonstige niveau dieses labels jedoch nicht wirklich zu tangieren vermag.
mit beginn der sommermonate steigert sich normalerweise mein sonst eher rudimentärer bedarf an punkrockigen tönen. der darf dann gerne auch mit ska- und reggae-einflüssen garniert sein; obwohl sonst so etwas seit den neunzigern - abgesehen von ein paar ganz wenigen ausnahmen - natürlich gar nicht mehr geht. aber auch diejenigen, welche selbst momentan keinen gefallen an derartigen sounds finden, sollten bei No Te Va Gustar aufhorchen. schlichtweg deswegen, weil zwar sämtliche erwähnte zitate in den sound von "El Camino Más Largo" (übersee records/alive) einzug halten. jedoch hat die band ihrer konkurrenz ein wichtiges faktum voraus: der sound klingt einfach authentischer, origineller und originaler... was zum einen natürlich mit ihrer herkunft zu tun hat: natürlich liegt uruguay näher an sämtlichen latin-einflüssen als das gesamte melodycore-nordeuropa-quartier der neunziger jahre. doch auf ihren exotenbonus sind no te va gustar keineswegs angewiesen. stattdessen schlägt eindrucksvoll die songwriterische brillanz dieser 14 tracks zu buche. von sonnengetränktem ska-gehoppel bis hin zu dramatischen balladen, egal welche stimmung transportiert wird: die songs bleiben sofort im ohr hängen, sind großartig arrangiert und überraschen mit einer in diesem metier selten gehörten langzeitwirkung. pop, latin und rock werden von den acht musikern so schlüssig fusioniert, dass ein stillsitzen völlig unmöglich ist. kein wunder, dass no te va gustar in ihrer heimat längst stars sind. sie markieren derzeit den qualitativen höhepunkt dieses miniatur-hypes... welchem zur breitband-wirkung wohl schlichtweg die englischen texte fehlen dürften. für europäische ohren deutlich ungewohnter respektive folkloristischer treten Konono No 1 in erscheinung: umso beachtlicher, als es vor allem der vorgänger "Assume Crash Position" (crammed discs/indigo) doch zu einiger resonanz in der populär- bzw. indiemusikkultur brachte. einhergehend mit grammy-auszeichnungen und thom yorke-empfehlungsschreiben wird klar, dass der an sich breite fokus "weltmusik" doch zu knapp bemessen scheint. der titel weist deutlich auf das programm hin: die kongolesen machen zwischen trance und (im wörtlichen sinne) garagenmusik lärm wie kaum jemand anderes. referenzen bleiben krautrock, industrial und freejazz. fazit: vielleicht eher interessant als wirklich hörbar, in sich aber wieder eine kleine soundrevolution.
mal eben eine dekade bis zu ihrem zweiten album gebraucht habenGary. doch die formation aus schauspieler robert stadlober (krabat, verschwende deine jugend), rasmus engler (u.a. von den hamburger indierockern herrenmagazin) und astrid noventa begreift sich mittlerweile trotz ihrer zahlreichen nebenschauplätze als band. mit unzähligen vorbildern: guided by voices, teenage fanclub und promise ring mögen das sein. und "One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji" (siluh/alive) beweist ab dem 28.5., dass ein solches ambitioniertes unterfangen keineswegs ausweglos scheint. es erwartet uns ein dutzend eingängige indiepop-songs, diverse konzerte und ab sofort dieser nette clip:
dass Bozoo Bajou trotz entsprechender song-auskopplungen keinesfalls der chill out- bzw. café del mar-fraktion zuzuordnen sind, unterstrichen sie neben den regulären alben zudem mit den beiden famosen juke joint compilations. auch mit ihrem beitrag zur stereo deluxe-reihe "Coming Home" (stereo deluxe/warner) beweisen die zwei nürnberger nun, dass sie über ein beeindruckendes musikverständnis verfügen. denn wenn sie sich zuletzt mit "grains" unergründliche tiefen weit jenseits synthetischer musik erschlossen hatten, geht die reise nun nochmal in eine andere richtung. house und disco heißen die schlüsselwörter diesmal. doch keine sorge: der brückenschlag zu den plattensammlungen von peter heider und florian seyberth, in denen sich jede menge analoges material befindet, gelingt. zwischen altbekannten einflüssen wie hiphop oder reggae sowie typischen eigenen produktionen (darunter "fürsattel" im idjut boys dub) steht der tanzflur deutlicher denn je im mittelpunkt. konnten sich in der vergangenheit soul-raritätensammler, coffee shop-besitzer und die independent-fraktion gleichermaßen auf die boozoo bajou-compilations einigen, dürfte der konsensfaktor unter jenen diesmal geringer ausfallen. dennoch: anspruch, atmosphäre und eingängigkeit werden gerade in den hier vertretenen genres viel zu selten so schlüssig wie in dieser "coming home" episode in einem mix vereint. die beiden produzenten bzw. dj's liefern damit weit mehr als eine zwischenmahlzeit zum nächsten studioalbum. die verknüpfung von techno mit genres jenseits von populärmusik klingt dagegen nicht nach einer allzu neuen idee (vgl. dazu zum beispiel auch jeff mills). dass das experiment "techno-im-jazz-gewand" funktionieren kann, bewies Christian Prommer dagegen zuletzt vor zwei jahren mit seiner drummlesson. nun steht der nachfolger in den läden. und auch auf "Drumlesson Zwei" (!k7/alive) bildete der detroit techno das fundament, aus welchem sich der münchner drummer, dj, pianist und produzent seine inspirationsquellen pickte. material von carl craig, laurent garnier, underground resistance sowie jean-michel jarre kommen so zu neuen, percussiv-akustischen ehren. schön. Rob Swift feierte seinen einstand auf ipecac bereits vor einigen jahren durch seine hauptformation, den x-exutioners, im soundtechnischen zweikampf mit labelmastermind "general" mike patton. nun folgt mit "The Architect" (ipecac/soulfood) sein erstes soloalbum für diese schier unerschöpfliche heimat außergewöhnlicher musik. der scratch-innovator sammelte für das album haufenweise krude samples - nicht unähnlich dem wu-tang clan... diesmal allerdings noch ergänzt um klassische musik! wo stöbert man nur derart brillantes material auf? in der guten halben stunde gibt es zudem auch zwei mal tatsächliche raps von breez evahflown zu hören. einige richtig herausragende tracks ("principio") mischen sich mit den, man muss fast sagen: erwartet skurrilen soundtüfteleien. dazu kommt ein schickes artwork, welches das motiv der musik stilvoll und direkt zur schau stellt. fazit: das ganze mutet wie ein wahnsinniges musikalisches gefecht zwischen public enemy, secret chiefs 3 und dj krush an. über die halbwertszeit von "the architect" kann ich nur spektakulieren; denn mit "leichte kost" lässt sich das album sicher nicht abstempeln. zumindest gab es auch nach der ersten handvoll hördurchgänge eine unglaubliche menge an details zu entdecken...
musik mit direktem oder indirektem balkan-bezug hat momentan eine chance auf öffentlichkeit wie nie zuvor. gogol bordello beispielsweise produzieren ihr neues album für einen major mit der untertstützung von rick rubin; balkanbeat-compilations zieren nicht nur plattenläden, sodern dienen auch als beschallung für entsprechende parties. das Absinto Orkestra, gegründet ursprünglich als begleitung für ein theaterstück (und entgegen der augenzwinkernden attitüde ohne jegliche wurzeln im sinti/roma-kulturkreis), liegen damit auf seltsame weise sogar im trend. was aber eigentlich keine rolle spielt: "Gadje" (gadjo records/timezone) überzeugt nämlich nicht nur musikalisch, sondern auch trotz oder wegen der deutschen texte - die das überwiegend instrumentale album phasenweise anreichern. der rhein-main-fünfer sorgt in der tradition von osteuropäischen hochzeitskapellen (!) unter anderem mit einem schnorrigen kontrabass sowie einer sirrenden geige für gute laune. die ein-drittel neueinspielungen klassichen materials passen exzellent zu den eigenkompositionen und sorgen für ein prima sommeralbum.
sämtliche nu-jazz-bedenken bitte an der garderobe deines stylishsten elektro-clubs abgeben: Cobblestone Jazz mögen ihre sound-szenarien zwar nicht gerade mit konventioneller instrumentierung entwerfen. dafür steht "The Modern Deep Left Quartet" (!k7/alive) auch viel zu nahe an club-stilistiken und dancefloor-funktionalität. reduziert, um frickeleien einzelner protagonisten bereinigt, geht das material von produzent tyger dhula, mathew jonson und danuel tate ziemlich direkt in die hüfte. anstelle easy listening-beliebigkeit werden jedoch grooves in fragmente zerlegt und neu positioniert; analoge drumcomputer sorgen im gegenzug für eine ebenso warme wie treibende atmosphäre. und als referenz an das eigene genre: ein "echter" keyboarder, perfekt in den albumfluss integriert. das resultat verfügt über sog-artige anziehungskraft fernab des schubladendenkens. ein echter space-night-aspirant.
die alten herren der industrial- und krautrock-avantgarde wollen es - eine gute halbe dekade nach ihrer dälek-kooperation - wieder wissen. kaum überraschend: die ursprünglich aus hamburg stammenden Faust haben in ihrer 40-jährigen karriere immerhin diverse stilistische, geographische und besetzungstechnische wechsel hinter sich. prädikat: "unkaputtbar". was unter anderem dazu führte, dass mit den herren peron/diermaier eine zweite formationen unter diesem titel unterwegs ist. für den doppelschlag "Faust Is Last" (klangbad/broken silence) steht in diesem fall gründungsmitglied hans joachim irmler an der orgel; der rest rekrutiert sich jedoch aus anderer herkunft. das ergebnis klingt nichtsdestrotz erwartet apokalyptisch: drone-soundgemälde und ungreifbare, überdrehte brachialhysterie sowie der stil der frühen neubauten sind die erhabene konsequenz. auf welche man sich allerdings einlassen (können) muss.
zwischen montreal und italien schrieben Juta ihr debütalbum. die kanadische sängerin barbara adly pendelte dafür zwischen dem kalten winter ihrer heimat und den freundschaften, welche sie mit der italienischen jazz-szene knüpfte hin und her. was "Running Through Hoops" (arctic rodeo/alive) zu mehr macht als einem reinen singer-songwriter-album im derzeit so typischen folkstil. ein kontrabass, behutsame easy listening-momente sowie eine ständig spürbare sehnsucht nach der ferne wohnt dem album inne. dennoch fanden kollegen aus den reihen von thee silver mt. zion memorial orchestra band ihren platz auf diesem zurückgenommenen, schwer melancholischen werk. für welches textzeilen wie "curse the part of me that hurts the part of you" nur gemäßigt repräsentativ klingen. und welches mich lediglich im falle "out of hand" dagegen sogar ein wenig an die weakerthans erinnert.
nach einer imposanten ep und dem tollen albumdebüt "your favorite people all in one place" hat dieses hochkarätige dischord-signing nach fünf jahren wartezeit (!) seinen neuen longplayer fertiggestellt. und wer das vorübergehend geschrumpfte trio aus (natürlich...) washington dc vielleicht schon auf der "burn to shine" dvd gesehen hat, der weiß, mit welcher intensität Medications zur sache gehen. zwischen treibend, verkopft und harmonisch gibt man seinen post-rock-elegien zwar genügend zeit und raum, sich zu entfalten. dennoch gelingt es den ehemaligen faraquet und smart went crazy mitgliedern, ihr material durchgehend auf den punkt zu steuern. die neuerdings auf dreiminutenformat komprimierten tracks pendeln dabei zwischen subtil vertrackt und gelegentlich ausufernd, sind jedoch zu weiten teilen ebenso dynamisch wie melodisch inszeniert. nach nur ein paar durchläufen kristallisieren sich erste highlights heraus, doch darüber hinaus bestechen medications mit einer hohen halbwertszeit. hier gibt es auch nach dem zehnten kontakt noch spannende details (insbesondere in der rhythmusarbeit) zu entdecken. leider muss diesmal auf eine inner ear production verzichtet werden, was dem ohnehin etwas moderaterem material jedoch nicht schadet. die elf tracks atmen die spielfreude der beteiligten, und wenn daraus - wie in "seasons" - funkensprühende hits zwischen jawbox und fugazi entstehen, möchte man dem label von ian mackaye einmal mehr zu seinem durchhaltevermögen in diesen schweren zeiten gratulieren. fazit: "Completely Removed" (dischord/alive) ist trotz seines schlichten äußeren ein hochkomplexes album geworden, bei dem es den protagonisten gelingt, niemals den songfluss aus den augen zu verlieren und so ein enorm wertiges stück musik zu veröffentlichen. die famose patterns/falcon five-kollaboration auf der gemeinsamen split blieb mir in großartiger erinnerung - gerade weil bei diesem format sonst oft der eindruck entsteht, es würde mit songresten gehandelt. nun also das debütalbum ersterer, die sich zu diesem anlass noch griffiger in PTTRNS umbenannt haben. und wesentlich griffiger klingt auch ihre musik auf "Science Piñata" (altin village/mine records/cargo). viel von der explosiven energie der vergangenheit kanalisierte das an den instrumenten rotierende trio in geordnetere songs... samt beachtlichem dance-appeal. q and not u fallen da sogleich als referenz ein; doch in dieser nische stecken längst viele weitere bands. die pttrns klingen passend dazu insgesamt ein gutes stückchen professioneller; leider aber auch beliebiger. dafür entschädigen selbst das phänomenal-schlichte artwork sowie der guido lucas-sound nicht ganz. am ende bleibt ein zwar gelungenes album; für mich jedoch auch der beigeschmack einer vertanen chance, noch deutlichere spuren zu hinterlassen.
guten morgen berlin, du kannst so hässlich sein... man spricht von einer puslierenden metropole; aber nicht (mehr) unbedingt dann, wenn es um indiesound geht. dabei tummeln sich auf den straßen von berlin neben hiphop (auf deutsch) und pop (auf deutsch) nach wie vor bands, die sich mit engeren rastern ungern zufriedengeben und ihren bekanntheitsradius auf splittergruppen beschränken. bei der internetsuche nach Adolar beispielsweise stößt man zunächst auf die siebziger jahre zeichentrick-serie. unter einem stapel seven inches findet sich dann in der eigenen plattensammlung plötzlich eine gar nicht so alte ep. da war doch was... und da wird noch einiges werden! mit ihrem debütalbum "Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre!" (unterm durchschnitt/alive) haben die berliner/leipziger nämlich ein musikalisch zwar etwas forderndes, jedoch mitreißendes statement gesetzt. große hooklines (drama! pop!!) und haufenweise stolpersteine (breaks! screams!!) ergeben zehn songs für die dauerrotation. bei welcher sich dann lediglich ein kritikpunkt herauskristallisiert. nämlich die tatsache, dass die teils sehr pathetischen texte der entwaffnend dynamischen musik nicht ganz gerecht werden. denn genau an dieser stelle bleiben adolar in der "emo"-schublade hängen. was nicht verhindern können soll und wird, dass sie sich aus dem vorprogramm von captain planet in die erste reihe der besonderen bands auf unterm durchschnitt etablieren können.
mit dem ursprünglich im jahr 2005 aufgenommenen und zwei jahre später nur auf vinyl erschienenen "Chapter Two, Volume Two" (major label/broken silence) rappeln sich Guts Pie Earshot ein weiteres mal auf. nach diversen wiederbegegnungen mit ex-sängerin anneke nahm man sich nun dem altbekannten material an... und goß es dann durch geschickte knöpfchendreherei und kreativen austausch doch in die gegenwärtige, eigenwillige form der nach wie vor als duo agierenden ausnahmeband.das einstige doppelalbum wird dabei auf die essenz heruntergebrochen: in acht tracks fusionieren sich auf der basis von cello und schlagzeug drum'n'bass, hardcore, orientalische momente plus punk zu einer treibenden tanzaufforderung. mit ausrufezeichen! was auch für das politische engagement von g.p.e. gilt. und wer das ganze für eine reine fanveröffentlichung hält, sollte bei den lohnenden konzerten die augen offenhalten: mit "give away" (major label mailorder) kann man exklusiv dort sowie im major label-mailorder eine weitere zusammenstellung von kollaborationen, nebenprojekten und interpretationen erstehen. der bunte stil-(molotov-)cocktail bleibt auch im 18. jahr des bandbestehens prägend.
captain poon steuerte nur kurze zeit ohne raumschiff durch die galaxie: nach 15 jahren gluecifer geht es nun zum zweiten mal mit der besatzung seiner aktuellen formation Bloodlights weiter. dramatisch stellte sich dabei von anfang an die tatsache dar, dass dem skandinavischen quartett bislang ein wenig der arsch in der hose fehlte, welcher zumindest die vorgängerband phasenweise unentbehrlich für das rock'n'roll publikum mit fokus auf norwegen machte. nun ist es keineswegs so, dass das zweitwerk "Simple Pleasures" (silversonic records/h'art) nicht ein dutzend feiner hooklines für die verbleibende anhängerschaft bereithält. im vergleich zu kollegen wie den bones allerdings wirkt das material etwas zu unspektakulär, um in diesem immer noch hoch frequentierten genre wirklich nachhaltig bestand haben zu können. dennoch: dank treffern wie „never built to last“ und einem zusätzlichen energieschub ein zumindest nettes album. this is stockholm, not u.k.: die Streetwaves machen zwar keinen hehl daraus, woher sie ihre inspirationen nehmen. zumindest aber gelingt es ihnen reichlich überzeugend, selbige in zündende songs zu verwandeln. die im falle ihres (nach reichlich lorbeeren in der heimat) nun auch bei uns erschienenen debüts vor allem nach sheffield klingen. "The Pleasure To End All Pleasures" (i made this/alive) lässt genau die funkensprühende energie aufblitzen, welche die arctic monkeys auf "humbug" verloren zu haben schienen. und beim track "death of exitement" darf man sich schonmal die strokes in flammen vorstellen... so richtig beklagen kann man angesichts des hohen hitanteils nur die eigenständigen merkmale, welche leider deutlich zu kurz kommen. dabei haben die streetwaves allen grund, sich entsprechendes selbstbewusstsein zuzulegen - und frühe vögel die chance, hier dabei zu sein bevor die vier breitere aufmerksamkeit ziehen. als bonus gibt es mit "reach the strands" übrigens einen zusatztrack - quasi als entschädigung für die um drei jahre verspätete veröffentlichung in bei uns.
es sind umstände, welche die startpositionen für junge bands entscheidend verbessern: empfehlungen großer, vielleicht sogar legendärer künstler. trümpfe, die die beiden folgenden newcomer in ihren händen halten. über erstere hält beispielsweise barry adamson seine schützenden label-hände; der mann, der an der seite von nick cave die bad seeds bereicherte und sich neben eigenen platten auch für den hervorragenden lost highway-soundtrack verantwortlich zeichnet. The Gilded Palace Of Sin haben degegen trotz ihres titels nichts mit gram parson oder den flying burrito brothers zu tun. das von adamson höchstselbst nicht nur veröffentlichte, sondern auch produzierte "You Break Our Hearts, We'll Tear Yours Out" (central control international/alive) streift vielmehr durch die dunklen gefilde, die vor jahren von my bloody valentine erkundet wurden. mit kleinen stücken, die zwischen dramatik und verschrobenheit ihre makabren geschichten erzählen. dahinter steht ein trio, welches alternativen country, gothic und rootsrock zu einer eigenständigen, schmutzigen, wenngleich nicht immer zwingenden vision verwebt. was bleibt ist mutige musik neben der spur, die den ansprüchen bzw. umständen zumeist tatsächlich gerecht wird.
und wo bei ihren vorgängern mit teremin und mandolin die instrumentierung für populärmusik schon untypisch ausfiel, wagt das Portico Quartet noch einen ganz anderen ansatz. auch ihr zweitwerk "Isla" (real world records/indigo) mag am ehesten unter die banner des jazz gedrängt werden. noch greifbarer sollte ihr sound allerdings durch den hinweis werden, dass kein geringerer als peter gabriel mit real world records hinter den londonern steht. und wer eher aus dem independent-kontext kommt, mag mit den jaga jazzist eine formation vor augen haben, die konventionen ebenso gerne bricht wie dieses quartet. das der weltmusik ebenso zugetan scheint wie dem elektronisch infizierten postrock. die neun rein instrumentalen stücke wurden zudem über weite teile live im abbey road studio eingespielt - und live kann man diese faszinierenden klanglandschaften in kürze sogar selbst erleben... Portico Quartet Tour 2010 04.04. D-Stuttgart 06.04. D-Koblenz 07.04. D-Cologne 09.04. D-Karlsruhe 10.04. D-Bielefeld 11.04. D-Bochum 14.04. D-Offenburg 17.04. D-Passau 20.04. D-Berlin 21.04. D-Dresden 22.04. D-Jena 23.04. D-Chemnitz 29.05. D-Hamburg 02.06. A-Bregenz 05.06. D-Worms 03.07. D-Salzau 05.07. A-Vienna 13.08. D-Gronau 15.08. D-Frankfurt
gerade bei mir nicht bekannten bands, fällt der blick neben dem albumcover doch immer zuerst auf das beiliegende platteninfo. im vollen bewusstsein, dass hier ordentlich auf die pauke gehauen wird. nur manchmal entsteht beim lesen dieses "empfehlungsschreibens" ein eigenes kleines bild, von dem ich mir nicht selten wünschte, dass ihm die musik gerecht wird. wie im falle Chelsy. da goutiert man weakerthans-referenzen und ein walter schreifels wird ebenso euphorisch lobend zitiert wie mille von kreator (!) und tomte's nikolai potthoff. keine leichte bürde für "Sweet Medicine" (s&v records/alive). doch das trio aus dem ruhrpöttchen mülheim meistert die aufgabe relativ souverän. und ziemlich einfühlsam. zwar wird die tiefe oben genannter musiker nur selten erreicht und auch die naheliegenden promise ring-nachfolger maritime bleiben nicht zuletzt dank arg cheesy tracks wie "discothequés" außer blickweite - mit kleinen perlen wie "monique" oder "who needs words" setzen chelsy aber ein zierliches ausrufezeichen. und selbst wenn mir die zeitgleich erscheinenden talking to turtles noch eine spur besser gefallen: nach ein paar singles via "my favourite toy records" und einem weitgehend unbeachteten debüt nehmen die drei 2010 offenbar richtig fahrt auf.
mag der fokus der medien durch die fußball-weltmeisterschaft in kürze ohnehin in richtung südafrika tendieren: diese zusammenstellung nimmt dennoch eher platz im sehr speziellen label-kontext von strut records ein. "Next Stop ...Soweto" (strut/alive) trägt den untertitel "township sounds from the golden age of mbaqanga". im zentrum steht die so betitelte, von jive und jazz inspirierte musik, welche in und um johannesburg in den sechziger und frühen siebziger jahren populär wurde. hierzulande dürfte kaum jemandem einer der 20 interpreten bekannt sein... ein weiteres indiz für das nischendasein der plattenfirma bzw. der zusammensteller dieser compilation: duncan brooker und francis gooding. wer sich mit der von zulu und westlichen einflüssen inspirierten frühphase der musik dieser pulsierenden metropole beschäftigen möchte, findet wohl kaum einen effizienteren einstiegt als "next stop ...soweto". zumal das fertige produkt um umfangreiche linernotes und fotos ergänzt erscheinen soll. übrigens werden über das frühjahr hin weitere episoden folgen, jeweils mit dem schwerpunk auf soul, funk und hammond r&b...ein knappes jahrzehnt später in einem anderen teil afrikas: "the new explosive sound in 1970's nigeria", so dieser untertitel, steht im mittelpunkt des "Nigeria Afrobeat Special" (soundway/groove attack). und nicht nur die songlänge der einzelnen tracks dehnte sich hier aus. auch der bekanntheitsgrad erweiterte sich über die grenzen des eigenen kontinents hinaus. namen wir fela kuti (hier mit the africa 70 und "who're you?" mitvertreten) halfen, die mischung aus polyphonen rhythmen und big band sounds selbst in europa zu etablieren. die elf songs dieser zusammenstellung aus den wissenden händen von miles cleret (dem nebenbei bemerkt das ganze soundway-label gehört) sind nichtsdestotrotz außerhalb ihres heimatlandes bislang kaum zu erwerben gewesen. dabei verfügen die 70 minuten (die 3-lp-version enthält zudem fünf bonustracks) über einen besonderen reiz, da sich hier mehr oder minder subtil westliche einflüsse von soul über blues und rock in den grundzügen erkennen lassen. was den spannnenden soundcocktail nur noch explosiver macht.
The Bear Quartet gehören zu dem überraschend kleinen teil der schwedischen independent-szene, der es zwar in der heimat zu größeren erfolgen brachte, außerhalb skandinavischer gefilde aber noch nicht wirklich in erscheinung treten konnte. und das trotz einer bald 20-jährigen geschichte, in welcher man es zu einem sack voller eps und alben sowie vorbildcharakter für einige kommerziell deutlich erfolgreichere formationen schaffte. umso schöner, dass dank des schwedischen indie-labels adrian recordings bzw. des alive-vertriebs die musik des bear quartet fünf jahre nach dem vorgänger "angry brigade" zum zweiten mal auch wieder bei uns verfügbar gemacht wird. ihr aktuelles werk "89" (adrian recordings/alive) steuert musikalisch allerdings rigoros in ungewohnte gefilde. waren bislang die landsmänner von isolation years bis starmarket referenzpunkte, so zeigen sich die zehn neuen track spöde wie nie: krautrock, afrobeat und noiseeskapaden halten einzug, wo vormals heimelige melancholie stand. das verstört auf anhieb ziemlich... was relativ exkat die intention des fünfers aus lulea gewesen sein dürfte. ist die enttäuschung über eine erhoffte herbst-/winterplatte allerdings erstmal überwunden, muss man die sperrige größe dieser versponnenen platte - nicht zuletzt zu einem so späten punkt in der bandkarriere - einfach nur respektieren. schon deshalb, weil sich im verborgenen eben doch sehr wohl funktionierende songs verstecken.
"I Am Become Joy" (high two/rewika/alive) klingt nicht nur nach einem reichlich euphorischen titel. die musik von Adam Arcuragi, obgleich dem singer-songwriter-genre zuzuordnen, lässt sich tatsächlich nicht auf schwermut und songs über verflossene liebe limitieren. americana, folk und auch rock mischen bei den elf stücken mit, die ihre wurzeln wohl am ehesten im alternativen country behaupten. bereits im opener "she comes to me" wird die slide-gitarre beispielsweise von ein paar bläsern in den ohrwurm-refrain beflügelt. in "math" tauchen dann bereits handclaps auf - doch was sich hier vielleicht wie flache stimmungsmache liest, entpuppt sich als ein durchaus charmanter popsong. wer da vorsichtig an adam green denkt, wird spätestens mit "people and private music" bestätigt. "the lupine chorale society under the direction of adam arcuragi accompanying himself on guitar with voice present to you with song and singing i am become joy", so der komplette titel des zweitwerks des aus pennsylvania stammenden protagonisten, trifft gerade zur mitte traditionellere, leider auch konventionellere töne. und überhaupt: die ganz große tiefe verbirgt sich hinter den elf songs, vor allem in der zweiten hälfte des albums, bei genauerem hinhören nicht. für ein vorübergehendes herzerwärmen, vielleicht auch für ein zufriedenes lächeln, taugt das werk jedoch allemal.
der opener "hole in the fence" vom zweiten Person L album lotet aus, was gitarrenmusik möglich machen kann - wenn auf gniedel-soli und riff-reiterei verzichtet wird. kenny vasoli will sich offenbar von seiner the starting line-vergangenheit ganz klar abgrenzen. motto: mehr kopf, mehr bauch... weniger gefühl. "The Positives" (arctic rodeo recordings/alive) zeichnet genau dies über weite strecken aus: überlegter lärm, subtile hooks und ein von den protagonisten so nicht erwartetes anknüpfen an rohen rootsrock ("changed man"). wahrscheinlich liegt der eigentliche überraschungseffekt jedoch darin, dass das ergebnis trotz dieser zutaten genau so klingt, wie es der plattentitel verspricht. "new sensation" klingt geradezu kalkuliert tanzflurkompatibel und songs wie "goodness gracious" oder "good days" vermitteln tatsächlich ein "heute-tragen-wir-eine-rosarote-brille"-gefühl. ganz großes entsteht daraus zwar nicht. wohl aber ein kurzweiliges, sogar ein wenig ungewöhnliches rockalbum. die verzückung, welche sich ansonsten zumeist bei (lizenz-)veröffentlichungen des hauses arctic rodeo einstellt, fällt diesmal allerdings etwas geringer aus.
schon die wunderschöne verpackung sollte die aufmerksamkeit von plattensammlern auf dieses kleinod a.k.a. digifile lenken. "Brother's Blood" (arctic rodeo records/alive) markiert die rückkehr von Kevin Devine zum indielabel nach kurzer aber schmerzhafter major-erfahrung. und gleichzeitig die entdeckung neuer stilistischer pfade. und zu guterletzt auch noch die mitbestimmungsmöglichkeiten seiner (the goddamn) band-kollegen. die konsequenz daraus: hier hört man keinen deprimierten emo-/singer-songwriter. zumindest nicht häufig. stattdessen startet beispielsweise "hand of god" in bester grandaddy-manier. jessy lacey von brand new, langjährigen tourbegleitern und freunden des new yorkers, macht das finale "tomorrow's just too late" zu einem echten höhepunkt. der titeltrack gerät zu einem verzeifelten gefühlsausbruch, welcher den hörer zur hälfte des albums aus seinen träumen reißt. und genau solche momente heben "brother's blood" nachdrücklich von kalkuliertem weichspülprogramm a lá dashboard confessional ab. ob die kommerzielle glücklosigkeit, die devine seit miracle of 86-zeiten begleiten, mit diesem neuerlich charismatischen werk überwunden wird? ich glaube es kaum. umso mehr die dringende empfehlung, sich mit diesem klischeebefreiten album intensiver zu beschäftigen. bei seinem debüt hat er auf sorgsame weise die eigenen singer-songwriter-kompositionen mit reggae-zwischentönen beträufelt. "Sing A Song For Me" (rootdown records/soulfood) startet nun dagegen ebenso beschwingt wie gut gelaunt. als wollte Lee Everton den winter noch für einen weile auf die auswechselbank setzen. aber es bleibt daniel lemma, der mit seinen souligen popnummern dem wirken des schweizers am nähesten kommt. denn selbst wenn es draußen unaufhaltsam kälter wird: die behutsam mit gitarre, organ, keys, dezenten percussions und noch dezenteren bläsern veredelten lieder wärmen von innen. dem ganz großen hit stellt everton zum zweiten mal ein konstant gelungenes, rundes album entgegen, welches seine heimelige, beinahe zärtliche atmosphäre über die gesamte spielzeit verbreitet. das ergebnis tut niemandem weh. im gegenteil: elegant inszenierte tracks wie "cry for me" leisten aufbauhilfe im sinne eines jack johnson... vielleicht durch den überraschungseffekt gerieten die doppel-bob-assoziationen (gemeint sind marley und dylan) diesmal etwas ins hintertreffen... freunde gepflegter akustik-momente, die zwischen melancholie und chillout nicht zwangsläufig unterscheiden mögen, kommen dennoch voll auf ihre kosten.
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